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 CONTERGAN
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CONTERGAN IV

Die Personen

Der Contergan-Skandal hat eine Reihe ausserordentlicher Personen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, deren Lebensläufe geradezu beispielhaft für die Nachkriegsgeschichte dienen können. Die Vorgänge sind bei weitem noch nicht historisch aufgearbeitet - vor allem nicht, welche Rolle NS-Verbrecher bei Vertrieb und Vermarktung von Thalidomid gespielt haben.

Dr. Widukind Lenz (1919 - 1995)

Widukind Lenz wurde 1919 geboren. Sein Vater war der Professor für Rassenhygiene Fritz Lenz, Ko-Autor und Mitbegründer der NS-Rassenlehre Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1921). Fritz Lenz war besorgt über das “Volk ohne Raum" und empfahl daher die Sterilisation der “Minderwertigen”, die kein Anrecht auf Vermehrung haben sollten.
Lenz junior studierte von 1937 to 1943 Medizin in Tübingen, Berlin, Prag und Greifswald. 1944 bis 1948 war er Stabsarzt der Luftwaffe und Arzt in einem britischem Kriegsgefangenenlager. Anschliessend war er in Kiel und Göttingen tätig. Seit 1952 war Lenz Oberarzt der Eppendorfer Kinderklinik, 1961 wurde er zum Ordinarius der Universitätskinderklinik ernannt. Von 1965 an war Lenz Leiter des Instituts für Humangenetik in Münster.
Seine Arbeiten widmeten sich der klinischen Genetik, der Chromosomenanalyse und der Lehrtätigkeit. Wegen seiner Verdienste um die Aufdeckung der Schädlichkeit von Contergan erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen.
Widukind Lenz hat sich damit um gerade jene verdient gemacht, die noch sein eigener Vater im Namen der ”Rassenhygiene” hätte beseitigen lassen.

Dr. Heinrich Mückter (1914 - 1987)

Dr. Mückter ist als Entdecker des Thalidomid in die Medizingeschichte eingegangen. Als Leiter der Forschungsabteilung bei Grünenthal stand er für den Erfolg des Produktes und der Firma und war am Umsatz des Medikamentes Contergan prozentual beteiligt und machte damit ein Millionenvermögen. Er war im Contergan-Prozess einer der Hauptangeklagten.
1999 wurde bekannt, dass Mückter als Stabsarzt der Wehrmacht in Krakau an Fleckfieberversuchen an KZ-Häftlingen beteiligt war. Er wurde deshalb im Jahr 1946 in Polen per Haftbefehl als Kriegsverbrecher gesucht, entzog sich diesem jedoch durch die Flucht in die damalige allierte Besatzungszone. Dort trat er als Pharmakologe in die neu gegründete Firma Grünenthal ein.

Otto Ambros (1901 - 1990)

Otto Ambros wurde in Weiden in der Oberpfalz geboren und arbeitete als Chemiker bei den I.G. Farben im Hauptausschuss „Pulver und Sprengstoffe“, „Sonderausschuß C“ an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe. Er ist Entdecker des nach ihm und seinen Kollegen benannten Sarin und Soman. 1937 trat er in die NSDAP ein und war von 1938 bis zum Kriegsende 1945 Vorstandsmitglied der I.G. Farben. 1944 wurde ihm das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes verliehen.
1948 wurde er im I.G.-Farben-Prozess als einer der Hauptverantwortlichen für das Lager KZ Auschwitz III Monowitz und den Einsatz der Zwangsarbeiter zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt. 1952 wurde er nach nur drei Jahren Haft vorzeitig entlassen.
Nach seiner Freilassung hatte er zahlreiche Aufsichtsratsposten inne. Seit 1953 war er in dieser Funktion bei Grünenthal, Er war ausserdem Berater von Friedrich Flick und des in einen Asbestskandal verwickelten amerikanischen Konzern W. R. Grace and Company.


Frances Oldham Kelsey (1914 - 2015)

Frances Oldham Kelsey stammt aus Kanada, studierte Medizin in Chicago und befasste sich bereits Ende der 30er Jahre mit Fragen der Arzneimittelsicherheit.
Ab 1960 arbeitete Kelsey für die Food and Drug Administration in Washington, D.C. Sie hatte vor allem neue Medikamente und Substanzen für den Markt zuzulassen. Eine der ersten Substanzen, die sie überprüfen musste, war Thalidomid. Obwohl es bereits in 20 europäischen und afrikanischen Ländern zugelassen war, verweigerte sie die Anerkennung für die Substanz. Sie verließ sich nicht auf die Angaben der Firma Richardson-Merrell, die keine Testergebnisse beinhalteten. Statt dessen wurden nur generelle Aussagen Grünenthals und des Marketing-Departments von Richardson-Merrell angegeben, und Geschäftsleute und Politiker übten Druck auf Kelsey aus. Sie forderte Richardson-Merrell auf, Tests durchzuführen und die Ergebnisse mitzuteilen. Die Firma weigerte sich und verlangte insgesamt sechs mal erneut die Zulassung zu gestatten, was jedesmal abschlägig beschieden wurde.
Für die Verhinderung der Thalidomidkatastrophe in den USA wurde Kelsey am 7. August 1962 von John F. Kennedy persönlich mit dem höchsten Zivilorden der Vereinigten Staaten von Amerika ausgezeichnet.



Dr. Ingeborg Eichler (*1923)

Frau Dr. Eichler wurde 1923 in Österreich geboren, studierte ab 1943 Medizin und promovierte 1948 an der Universität Wien. Ab 1953 war sie Mitglied der österreichischen Rezeptpflichtkommission und der Zulassungskommission für Arzneimittel. Frau Dr. Eichler legte im Oktober 1957, als einziges Mitglied der Zulassungskommission für Arzneimittel ihr Veto gegen einen "rezeptfreien" Vertrieb der damals in Österreich unter dem Namen "Softenon" zugelassenen Arznei ein und verhinderte damit eine Potenzierung der in Österreich "überschaubaren" Katastrophe um ein Vielfaches. Die damals 34-jährige Jungmedizinerin berief sich auf noch ungesicherte Ergebnisse in Tierversuchen und setzte als einzige Frau dieser ministeriellen Zulassungsbehörde für Medikamente die ärztliche Verschreibungspflicht durch. Durch diese Beschränkung konnte - im Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland - die Anzahl der in Österreich aufgetretenen Körperbehinderungen bei Säuglingen mit 12 Fällen (!) in Grenzen gehalten werden. Für ihre unschätzbaren Verdienste im Zusammenhang mit dem Contergan-Skandal und dessen Verhinderung in Österreich wurde Frau Hofrat Dr. Ingeborg Eichler im Dezember 2007 der Ehrenring der österreichischen Sozialversicherung verliehen.




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