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 CONTERGAN
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CONTERGAN II

Der Prozess

Am 1. Dezember 1961 ging die erste Strafanzeige gegen Grünenthal bei der Staatsanwaltschaft Hannover ein. Am 8.12.1961 wurde ein Untersuchungsverfahren Gang gesetzt. Dies betraf zunächst nur einen Patienten mit Polyneuropathie. Seit Anfang 1962 gingen zunehmend Anzeigen von Eltern betroffener Kinder ein. Am 4.7.1962 (acht Monate nach Eingang der erste Strafanzeige!) suchten erstmals Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft der Firma Grünenthal auf. Zu diesem Zeitpunkt bestritten die Firmenmitarbeiter einen potentiellen Zusammenhang zwischen den vieltausendfach aufgetretenen Schäden und der Einnahme der thalidomidhaltigen Präparate, obgleich zu diesem Zeitpunkt die Beweislage überwältigend war. Es gab im August 1962 keinen ernstzunehmenden Wissenschaftler, der noch die Kausalität von Thalidomid für die Kindesmissbildungen in Zweifel zog.

Nach jahrelangen Ermittlungen wurde 1967 die Anklageschrift gegen den geschäftsführenden Gesellschafter sowie acht leitende Mitarbeiter der Firma Grünenthal eingereicht. die Anklage lautete auf fahrlässige und vorsätzliche Körperverletzung sowohl im Zusammenhang mit den Nervenschäden als auch im Zusammenhang mit den Kindesmissbildungen, hier auch mit Todesfolge. Die Staatsanwaltschaft war überzeugt, dass Contergan für die Nervenschäden und Missbildungen alleine verantwortlich zu machen war und die Angeklagten hierfür strafrechtlich vorwerfbares Verschulden traf, weil die Art, wie für Contergan geworben worden war, sich weder aus den allgemeinen Erfahrungen der Pharmakologie noch aus den durchgeführte Prüfungen rechtfertigen ließ und man auf Warnungen gewissenhafter Ärzte und angesehener Fachgelehrter nicht angemessen reagiert hatte.

Der Prozess begann am 27.5.1968. Zu dessen Beginn standen 20 (!) Rechtsanwälte grosser Kanzleien als Verteidiger drei Staatsanwälten gegenüber. Ernstzunehmende Schätzungen lauten, dass die Firma Grünenthal für den Prozess und die damit verbundene Pressearbeit 100 Millionen DM aufgewendet hat. Bis zum Schluss hat Grünenthal den Zusammenhang von Contergan und die Missbildungen geleugnet. So wurden im Prozesssaal Mütter gefragt, ob nicht übermässiger Fernsehkonsum zu den Schäden geführt haben könne. Auch die Politik nahm Einfluss. So wurde einer der Verteidiger eines Hauptangeklagten zum Justizminister von Nordrhein-Westfalen ernannt und damit automatisch Vorgesetzter eben jener Staatsanwälte, gegen die er seinen Mandanten jahrelang verteidigt hatte. Weitere Verzögerungstaktik und juristische Spitzfindigkeiten führten zu einer Prozessdauer von 287 Tagen.
Schliesslich wurde ein Vergleich geschlossen. In diesem verpflichtete sich die Firma Grünenthal 100 Millionen DM an die Geschädigten zu zahlen. dieser Vergleich kam jedoch nie zu Stande.

Offiziell wurde das Verfahren aufgrund dieses Vergleiches “wegen geringer Schuld” und mangelndem Interesse der Öffentlichkeit eingestellt. Im Einstellungsbeschluss wurde der Zusammenhang von Contergan mit dem Nervenschädigungen und den Missbildungen ausdrücklich als gesichert festgehalten. Daher sollten alle Eltern Abfindungserklärungen unterschrieben, in denen sie für sich und ihre Kinder auf alle Zeiten auf weitere Ansprüche gegenüber Grünenthal verzichteten. Fast alle Eltern unterschrieben, da bis zu diesem Zeitpunkt, länger als ein Jahrzehnt nach der Geburt ihrer Kinder, bis auf das Bundessozialhilfegesetz keine weitere Unterstützung erfolgt war. Eltern, die nicht bis zu einem bestimmten Termin die Abtretungserklärung unterschrieben, sollten keine Entschädigungszahlung erhalten. Der Firma Grünenthal wurde das Recht eingeräumt, mit den Zahlungen erst dann zu beginnen, wenn alle weiteren Ansprüche gegen sie ausgeschlossen waren.

So kommt es, dass bis heute nicht der Schädiger, sondern der Steuerzahler für die Folgen aufkommen muss.




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