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 CONTERGAN
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CONTERGAN I

Die Anfänge

1946 wurde im nordrhein-westfälischem Stolberg die Firma Grünenthal als Tochter der Dalli-Werke Mäurer & Wirtz gegründet. Grünenthal sollte sich der Herstellung von Arzneimitteln widmen.

1947 führte Grünenthal als erste deutsche Firma unter der Leitung des Pharmakologen Dr. Heinrich Mückter Penicillin aus Eigenproduktion in Deutschland ein, was wesentlich zum Aufschwung des Unternehmens beitrug.

1954 begann die Forschungsabteilung Grünenthals nach einem zweiten Standbein für die erfolgreiche Firma zu suchen, da es absehbar wurde, dass Penicillin alleine nicht mehr der große Umsatzträger sein würde. Zwei neue Antibiotika mussten wegen starker Nebenwirkungen unverzüglich vom Markt genommen werden. Die Versuche führten zu einer Substanz mit beruhigender und einschläfernder Wirkung, die Thalidomid genannt wurde. Da diese auch in höchsten Dosen im Tierversuch nicht tödlich wirkte (im Gegensatz zu den bis dahin gebräuchlichen Schlafmitteln), entschloss man sich zur Vermarktung. Thalidomid wurde am 17. April 1954 zum Patent angemeldet. Nicht zuletzt war dieses Medikament, das einzige, dass zu jenem Zeitpunkt marktfähig erschien.

Die daraufhin durchgeführten Versuche zeigten eine scheinbar gute Verträglichkeit der Substanz, eine Testung an Schwangeren ist jedoch nie erfolgt. Letztere wurde von der Universitätsklinik Bonn aus “prinzipiellen Erwägungen” abgelehnt. Der Zulassungsantrag für den rezeptfreien Vertrieb wurde am 11. Juni 1956 gestellt und am 10. Juli 1956 vom nordrhein-westfälischen Innenministerium (nach vier Wochen!) genehmigt. Der größte Feldversuch der Medizingeschichte konnte beginnen.
Am 1. Oktober 1957 wurde Thalidomid unter dem Namen Contergan auf den deutschen Markt gebracht. Es erweist sich - auch dank der in der Werbung hervorgehobenen “Ungiftigkeit” - als Verkaufsschlager. Bis 1960 ist jedes zweite in Deutschland eingenommene Schlafmittel Contergan.

Seit 1959 berichten Neurologen zunehmend über Nervenschäden mit bleibenden schmerzhaften Gefühlsstörungen nach Einnahme von Contergan. Die Zahl der Betroffenen steigt bis 1961 in die Tausende. Grünenthal weist zunächst den Zusammenhang und später das Ausmaß des Problems zurück, Contergan wird deswegen aber letztlich doch im Sommer 1961 unter Rezeptpflicht gestellt - aber nicht in allen Bundesländern.

Vielen Kinderärzten fällt seit 1959 eine Zunahme bis dahin kaum gesehener Fehlbildungen Neugeborener auf, die ohne Arme oder Beine und mit schwersten Organschäden zur Welt kommen. Zunächst vermutet man einen Zusammenhang mit den Atombombenversuchen der USA und der UdSSR. Vereinzelt wird jedoch auch Thalidomid verdächtigt. Mehrere Ärzte und Apotheker berichten Mitarbeitern der Firma Grünenthal über Kindsfehlbildungen unter Contergan-Einnahme, ein Zusammenhang wird jedoch verneint. Im Frühjahr 1961 berichtet Dr. William McBride, Kinderarzt in Sydney, der britischen Partnerfirma von Grünenthal, der Distillers Co, dass nach seiner Meinung Thalidomid schwere Geburtsschäden hervorrufe.
Der Hamburger Kinderarzt Dr. Widukind Lenz wies durch seine Recherchen nach, dass fast alle Mütter der geschädigten Kinder in der Frühschwangerschaft Contergan oder andere thalidomidhaltige Präparate eingenommen hatten. Am 15. November 1961 unterrichtete er darüber den Leiter der Grünenthal-Forschungsabteilung Dr. Mückter. Dieser reagierte zunächst nicht. Dr. Lenz teilte seinen Verdacht am 19.11.1961 auf einer Kinderärztetagung mit. Noch am 24. November 1961 weigerte sich jedoch Grünenthal noch immer, Contergan vom Markt zu nehmen und drohte der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und Dr. Lenz mit massiven Schadenersatzforderungen. Am 26.11.1961 veröffentlicht die Welt am Sonntag unter der Überschrift “Mißgeburten durch Tabletten?” einen Bericht über die Untersuchungen von Dr. Lenz. Tags darauf werden thalidomidhaltige Präparate vom Markt genommen.

In Deutschland sind etwa 5000 - 6000 Menschen mit Thalidomidschäden geboren worden, mehr als die Hälfte ist an den Folgen verstorben.

Derzeit leben noch etwa 2700 Geschädigte in Deutschland.




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